ARTHINKING

«Vernetzung bildet Öffentlichkeit. Die alten Klöster waren so vernetzt, dass sie die Gründung von Universitäten vorbereiteten. Unsere Plattform – unser Netzwerk bildet Gärten & Werkstätten der Kooperation.» Alexander Kluge

Wo Kunst denkt und sich Zeiten vertiefen,
wird Gegenwart weit.

Foto: Mayk Wendt

Wir trauern um
Alexander Kluge.

Mit ihm verlieren wir eine Geistesgröße des Jahrhunderts – und einen Denker, dessen Arbeit uns Verpflichtung bleibt.

Alexander Kluge hat gezeigt, was Denken vermag: Zusammenhänge stiften, wo Trennungen herrschen. Zeitdimensionen öffnen, wo Gegenwart sich verengt.
Erfahrungen bewahren, wo sie zu verschwinden drohen.

Foto: Mayk Wendt

Sein Werk steht für eine Praxis des Denkens, die sich nicht mit dem Offensichtlichen begnügt. Es durchdringt die Gegenwart in ihren historischen Tiefenschichten und macht sichtbar, wie sehr unsere Zeit aus anderen Zeiten besteht.

Foto: Mayk Wendt

In diesem Sinne war er ein Meister der longue durée – und zugleich ein präziser Beobachter des Jetzt.

Für uns war er Freund, Mentor und Weggefährte. In Gesprächen, Begegnungen und gemeinsamer Zeit – auch im Engadin – durften wir erfahren, was es heißt, Denken als offene Bewegung zu verstehen: als Einladung, als Herausforderung, als gemeinsame Arbeit.
https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/joseph-vogl-zum-tod-alexander-kluges-100.html

Foto & Media Credits: Michael Steiner

Diese Erfahrung prägt unser eigenes Vorhaben.

Mit ARTHINKING | KUNSTDENKEN entsteht ein Ort, der genau daran anknüpft: an die Verbindung von Kunst und Denken, an die Offenheit für unterschiedliche Perspektiven, an die Bereitschaft, historische Tiefe und gegenwärtige Dringlichkeit miteinander ins Gespräch zu bringen. In diesem Sinne verstehen wir unser Tun auch als Weiterführung eines Impulses, den Alexander Kluge auf unvergleichliche Weise verkörpert hat: Denken als kollektive Praxis.

Kunst als Erkenntnisform.
Gespräch als Raum der Möglichkeit.
Sein Werk wird bleiben.
Und es wird uns begleiten – als Herausforderung und als Ermutigung.

Wir werden ihn sehr vermissen.

Nachruf – Persönliche Gedanken vonFriederike Kretzen (Co-Kuratorin Warburg Kolloqium 2022)

War schon mein letzter Brief ein trauriger Abgesang, ein Abschied von Teheran, von der Stadt, die mich so freundlich und zuvorkommend aufgenommen hat, so kommt auch hier wieder ein Abgesang auf einen, der mich begleitet hat, der mir Wörter und Bilder gegeben hat, die ich bis heute bei mir trage, mit mir trage, die ihre Gültigkeit nicht verloren haben, mit denen ich mich immer wieder und neu und anders orientieren kann. Und diese Sätze, Aussagen, die Art, wie sie gesagt waren, sind wahrscheinlich genau die Zaubersprüche, derer wir bedürfen, damit im Tod das Herz nicht gegen uns aussagt. Nicht noch einmal uns verrät, wie wir es so oft gemacht haben.

Alexander Kluge, der gerade gestorben ist, hat nicht aufgehört zu sagen, dass alle Gefühle an einen glücklichen Ausgang glauben. Da haben wir doch die ganze schöne Komplikation und auch eine Form von Schönheit. Stell dir vor, all die komplizierte Arbeit, an einen glücklichen Ausgang zu glauben, wider besseres Wissen, wider anderer Erfahrungen. Und glauben ist ja auch etwas Widerständiges.

Ich habe in meiner mündlichen Zwischenprüfung in Soziologie über ein Buch von ihm gesprochen: Gelegenheitsarbeit einer Sklavin, erschienen 1975. Ich habe von Montage und Fragment gesprochen, als eine Form von Erkenntnis, von Analyse und Erzählung dessen, was wirklich ist. Denn die Wirklichkeit gibt es nicht, sie ist immer auch schon erfunden, montiert, zusammengefügt. Das war damals noch möglich in der Soziologie, wurde zwar von meinem Professor nicht weiter kommentiert, aber angenommen, vielleicht sogar ein bisschen neidisch. (So wie ich heute bei einigen
Erfahrungen während des Studiums das Gefühl habe, dass es da um Neid ging. Aber das ist ein anderes Thema.) Ich kannte damals schon jede Menge Godard, und Kluge war für mich der Deutsche Godard. Er lebte damals in Frankfurt und kam ein paarmal nach Giessen ins Kino in der Frankfurter Strasse, brachte seine neuesten Filme mit. Ich sehe ihn noch nach der Filmvorführung vorne vor der Leinwand sitzen und diskutieren, diskutieren, diskutieren. Denn es ging um unser Leben.

Von Anfang an war in seinen Filmen seine Stimme das, was mich sofort für ihn einnahm. So einnahm, dass ich ihm völlig vertraute. Sein Sprechen sagte seine Haltung all dem gegenüber aus, was geschieht. Seine Stimme ist die Stimme des Urvertrauens. In seinem Fall, und vielleicht überhaupt, ist das Urvertrauen eine Haltung. Eine Haltung dem Leben, den Wörtern, den Bildern, den Erfahrungen und ihrer Erzählbarkeit gegenüber. So als wäre Wirklichkeit eine Art Märchen, das weiter erzählt werden kann und muss, denn noch ist alles offen, noch sind sie, wenn sie nicht gestorben sind, nicht tot.

Er war einer der wenigen deutschen Denker, die den Unsinn weder scheuten, noch verrieten, sondern vor allem beachteten. Seit seinen ersten Veröffentlichungen arbeitete er an dem anderen Sinn des Unsinns; der seines Zusammenhalts. Den zog er allem vor, was uns als vorsätzlich sinnvoll angetragen wird. Er hat immer wieder gesagt, dass wir Glückssucher, wenn nicht gar auch Glücksspieler seien, jedenfalls keine Wahrheitssucher, sondern Phantasten.

Ich habe ihn ja dann vor drei Jahren bei unserem Warburg-Symposion wieder gesehen. Bis heute denke ich, dass die beiden, Warburg und Kluge, kühne Bilderleser sind, die wussten, dass es darum geht, uns zusammenzulesen, zu versammeln, was es an Zusammenhängen gibt, und vor allem wahrzunehmen, wie wir mit so vielem, um nicht zu sagen mit allem, verbunden sind.

Ich habe ihn damals am Morgen im Hotel gesehen, wie er anstelle zu frühstücken, draussen auf der Terrasse sass, allein und in sein grosses Heft schrieb. Für sich, versunken. Diese Hefte hat er von Anfang an geführt, in ihnen hat er seine Arbeiten entfaltet. Da auf der Terrasse in Scuole am Morgen war er 92 Jahre alt und ich wusste, dass wir mit ihm einen guten Geist als Gast hatten. So dass uns nichts geschehen konnte.

ARTHINKING – KUNSTDENKEN fördert die Kunst des unabhängigen Denkens. Wir unterstützen Vorhaben, die gedankliche Räume für gesellschaftsrelevante Diskurse öffnen und transdisziplinäre Denkräume offenhalten. Im Dialog mit der Gesellschaft erarbeiten wir Ideen, die Lösungen anregen.

ARTHINKING bewegt sich in der Form des Übergangs, als Denken im Transit. Es bewegt sich in der Passage zwischen Utopie und Dystopie, ist Zukunftserbe. Uns interessiert das Vergangene, Vergessene und Unsagbare, das Unausgesprochene.

ARTHINKING schafft ein zeitgemässes Format des unabhängigen Denkens, das visionäre Ideen und gedankliche Geografien sichtbar macht. Überraschende Perspektiven auf die Wirklichkeit öffnen ungeahnte gedankliche Handlungsspielräume.

ARTHINKING hinterfragt gesellschaftliche Traumatisierungen, um epigenetische Muster zu entschlüsseln, die das kollektive Bewusstsein formen.

ARTHINKING fragt: Welches Denken braucht das 21. Jh?

Debattieren
Nachdenken im Dialog
Kuratieren
Denken als räumliche Gestaltung
Publizieren
Denken veröffentlichen
moderieren

Gedanken anregen 

 

ermöglichen
Unabhängiges Denken fördern
vernetzen
Eigenständig Denkende verbinden

PARTNER UND NETZWERK