ARTHINKING
«Vernetzung bildet Öffentlichkeit. Die alten Klöster waren so vernetzt, dass sie die Gründung von Universitäten vorbereiteten. Unsere Plattform – unser Netzwerk bildet Gärten & Werkstätten der Kooperation.» Alexander Kluge
Wo Kunst denkt und sich Zeiten vertiefen,
wird Gegenwart weit.
Foto: Mayk Wendt
Alexander Kluge.
Mit ihm verlieren wir eine Geistesgröße des Jahrhunderts – und einen Denker, dessen Arbeit uns Verpflichtung bleibt.
Alexander Kluge hat gezeigt, was Denken vermag: Zusammenhänge stiften, wo Trennungen herrschen. Zeitdimensionen öffnen, wo Gegenwart sich verengt.
Erfahrungen bewahren, wo sie zu verschwinden drohen.
Foto: Mayk Wendt
Sein Werk steht für eine Praxis des Denkens, die sich nicht mit dem Offensichtlichen begnügt. Es durchdringt die Gegenwart in ihren historischen Tiefenschichten und macht sichtbar, wie sehr unsere Zeit aus anderen Zeiten besteht.
Foto: Mayk Wendt
In diesem Sinne war er ein Meister der longue durée – und zugleich ein präziser Beobachter des Jetzt.
Foto & Media Credits: Michael Steiner
Mit ARTHINKING | KUNSTDENKEN entsteht ein Ort, der genau daran anknüpft: an die Verbindung von Kunst und Denken, an die Offenheit für unterschiedliche Perspektiven, an die Bereitschaft, historische Tiefe und gegenwärtige Dringlichkeit miteinander ins Gespräch zu bringen. In diesem Sinne verstehen wir unser Tun auch als Weiterführung eines Impulses, den Alexander Kluge auf unvergleichliche Weise verkörpert hat: Denken als kollektive Praxis.
Kunst als Erkenntnisform.
Gespräch als Raum der Möglichkeit.
Sein Werk wird bleiben.
Und es wird uns begleiten – als Herausforderung und als Ermutigung.
Wir werden ihn sehr vermissen.
Nachruf – Persönliche Gedanken vonFriederike Kretzen (Co-Kuratorin Warburg Kolloqium 2022)
War schon mein letzter Brief ein trauriger Abgesang, ein Abschied von Teheran, von der Stadt, die mich so freundlich und zuvorkommend aufgenommen hat, so kommt auch hier wieder ein Abgesang auf einen, der mich begleitet hat, der mir Wörter und Bilder gegeben hat, die ich bis heute bei mir trage, mit mir trage, die ihre Gültigkeit nicht verloren haben, mit denen ich mich immer wieder und neu und anders orientieren kann. Und diese Sätze, Aussagen, die Art, wie sie gesagt waren, sind wahrscheinlich genau die Zaubersprüche, derer wir bedürfen, damit im Tod das Herz nicht gegen uns aussagt. Nicht noch einmal uns verrät, wie wir es so oft gemacht haben.
Alexander Kluge, der gerade gestorben ist, hat nicht aufgehört zu sagen, dass alle Gefühle an einen glücklichen Ausgang glauben. Da haben wir doch die ganze schöne Komplikation und auch eine Form von Schönheit. Stell dir vor, all die komplizierte Arbeit, an einen glücklichen Ausgang zu glauben, wider besseres Wissen, wider anderer Erfahrungen. Und glauben ist ja auch etwas Widerständiges.
Ich habe in meiner mündlichen Zwischenprüfung in Soziologie über ein Buch von ihm gesprochen: Gelegenheitsarbeit einer Sklavin, erschienen 1975. Ich habe von Montage und Fragment gesprochen, als eine Form von Erkenntnis, von Analyse und Erzählung dessen, was wirklich ist. Denn die Wirklichkeit gibt es nicht, sie ist immer auch schon erfunden, montiert, zusammengefügt. Das war damals noch möglich in der Soziologie, wurde zwar von meinem Professor nicht weiter kommentiert, aber angenommen, vielleicht sogar ein bisschen neidisch. (So wie ich heute bei einigen
Erfahrungen während des Studiums das Gefühl habe, dass es da um Neid ging. Aber das ist ein anderes Thema.) Ich kannte damals schon jede Menge Godard, und Kluge war für mich der Deutsche Godard. Er lebte damals in Frankfurt und kam ein paarmal nach Giessen ins Kino in der Frankfurter Strasse, brachte seine neuesten Filme mit. Ich sehe ihn noch nach der Filmvorführung vorne vor der Leinwand sitzen und diskutieren, diskutieren, diskutieren. Denn es ging um unser Leben.
Von Anfang an war in seinen Filmen seine Stimme das, was mich sofort für ihn einnahm. So einnahm, dass ich ihm völlig vertraute. Sein Sprechen sagte seine Haltung all dem gegenüber aus, was geschieht. Seine Stimme ist die Stimme des Urvertrauens. In seinem Fall, und vielleicht überhaupt, ist das Urvertrauen eine Haltung. Eine Haltung dem Leben, den Wörtern, den Bildern, den Erfahrungen und ihrer Erzählbarkeit gegenüber. So als wäre Wirklichkeit eine Art Märchen, das weiter erzählt werden kann und muss, denn noch ist alles offen, noch sind sie, wenn sie nicht gestorben sind, nicht tot.
Er war einer der wenigen deutschen Denker, die den Unsinn weder scheuten, noch verrieten, sondern vor allem beachteten. Seit seinen ersten Veröffentlichungen arbeitete er an dem anderen Sinn des Unsinns; der seines Zusammenhalts. Den zog er allem vor, was uns als vorsätzlich sinnvoll angetragen wird. Er hat immer wieder gesagt, dass wir Glückssucher, wenn nicht gar auch Glücksspieler seien, jedenfalls keine Wahrheitssucher, sondern Phantasten.
Ich habe ihn ja dann vor drei Jahren bei unserem Warburg-Symposion wieder gesehen. Bis heute denke ich, dass die beiden, Warburg und Kluge, kühne Bilderleser sind, die wussten, dass es darum geht, uns zusammenzulesen, zu versammeln, was es an Zusammenhängen gibt, und vor allem wahrzunehmen, wie wir mit so vielem, um nicht zu sagen mit allem, verbunden sind.
Ich habe ihn damals am Morgen im Hotel gesehen, wie er anstelle zu frühstücken, draussen auf der Terrasse sass, allein und in sein grosses Heft schrieb. Für sich, versunken. Diese Hefte hat er von Anfang an geführt, in ihnen hat er seine Arbeiten entfaltet. Da auf der Terrasse in Scuole am Morgen war er 92 Jahre alt und ich wusste, dass wir mit ihm einen guten Geist als Gast hatten. So dass uns nichts geschehen konnte.
und ungeheurer Strahlkraft gelungen: ein zweifaches «once in a blue moon» im Engadin. Aby Warburg, den er in Nairs zu lieben begonnen hatte, wurde ihm Weggefähr-te, Freund und Quell vieler neuer Werke. Kluge überliess äusserst freigiebig den so Beschenkten selbst, was sie daraus mach-ten. Denn beide Male hatte er in rasan-tem Tempo auch sich selbst beschenkt. So war die Begegnung mit Aby Warburg in Nairs für ihn eine echte Entdeckung gewesen. Dies ermöglichte der von uns Kuratoren initiierten Ausstellung am Nairs Lab die Reise nach Wien an die Al-bertina, nach Florenz an die Uffizien und in seine Heimatstadt Halberstadt in Sachsen-Anhalt. Zutiefst dankbar fand er so trotz Projekten in New York, Venedig und München immer wieder Musse und Zeit für Ideen im Engadin. Das in jenem Sommer ihn ausstellende kleine Nairs Lab am Scuoler Stradun hat leider nicht überlebt. Aber so ist es mit Geschenken, sie werden übersehen, gera-ten leicht in Vergessenheit. Aber wie heisst es im Volksmund so weise: Ge-schenkt ist geschenkt.
BLUE MOON IM ENGADIN – Cornelia Schwab über ihre Arbeit mit Alexander Kluge – Engadiner Post 30.4.2026
https://www.engadinerpost.ch/news/2026/04/30/Blue-Moon-im-Engadin
Er war ein grosser Freund des Engadins und treuer Stammgast: der 1932 geborene Alexander Kluge. Der deutsche Filmemacher, Fernseh-Produzent, Schriftsteller, Drehbuchautor, bildende Künstler, Rechtsanwalt und Unternehmer starb am 25. März 94-jährig in München. Ein Nachruf.
Nun ist er da, der lang befürchtete endgültige Abschied von einem, der die Engadiner Landschaft in ihrer zeitgeschichtlichen Dimension erkannte und liebte, sie für einen glücklichen Ort hielt. Viele Jahre bereiste Alexander Kluge mit wissendem Respekt die malerische Bergwelt rund um Sils Maria, residierte glücklich unter den Seinen im geliebten Waldhaus Sils-Maria. Die freundlichen Direktoren dieses magischen Rückzugorts waren ihm über viele Jahrzehnte liebevolle Gastgeber und sehr wohlgesonnen. «Sie leben in einem glücklichen Gelände», rief Kluge froh-gelaunt am Beginn des Unterengadiner Warburg-Kolloquiums im Sommer 2022, in die ihn umringende Menge von Teilnehmenden.
Dieser schroffen, kantigen Landschaft, die ihn faszinierte, hinterliess er zwei wunderbare Geschenke – als eine Art gedankliche Ermutigung und zu Herzen gehende Horizonterweiterung.
Eines dieser Geschenke machte er dem Künstlerhaus der Fundaziun Nairs, zu dem er damals noch selbstständig anreisen konnte, ein weiteres widmete er St. Moritz und dem dortigen Berry Museum. Beide Geschenke waren offenbar so unerwartet und nicht nur deshalb überwältigend, weil sie bereits halb ausgepackt schon die Systeme der gastgebenden Ermöglicher zum Bersten brachten. Unserem gegenseitigen Respekt tat dies keinen Abbruch. Was zählte, war das Gelingen. Eines seiner letzten Bücher trug den vielsagenden Titel «Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben». Beide Male war uns schliesslich ein Zusammenkommen von grosser Seltenheit und ungeheurer Strahlkraft gelungen: ein zweifaches «once in a blue moon» im Engadin.
Aby Warburg, den er in Nairs zu lieben begonnen hatte, wurde ihm Weggefährte, Freund und Quell vieler neuer Werke. Kluge überliess äusserst freigiebig den so Beschenkten selbst, was sie daraus machten. Denn beide Male hatte er in rasantem Tempo auch sich selbst beschenkt. So war die Begegnung mit Aby Warburg in Nairs für ihn eine echte Entdeckung gewesen. Dies ermöglichte der von uns Kuratoren initiierten Ausstellung am Nairs Lab die Reise nach Wien an die Albertina, nach Florenz an die Uffizien und in seine Heimatstadt Halberstadt in Sachsen-Anhalt. Zutiefst dankbar fand er so trotz Projekten in New York, Venedig und München immer wieder Musse und Zeit für Ideen im Engadin. Das in jenem Sommer ihn ausstellende kleine Nairs Lab am Scuoler Stradun hat leider nicht überlebt. Aber so ist es mit Geschenken, sie werden übersehen, geraten leicht in Vergessenheit. Aber wie heisst es im Volksmund so weise: Geschenkt ist geschenkt.
Beide Male hatte Kluge sich von einer kuratorischen Idee so entflammen und begeistern lassen, dass er sein Schaffen und seine unaufhörlich tätige Werkstatt öffnete. Unser letztes gemeinsames Projekt in St. Moritz am Berry Museum begleitete er aus dem Bett heraus in horizontaler Schräglage, wohl eingehüllt in eine dicke Strickjacke. Fragen zum Wohlbefinden tat er als lästig und unwesentlich ab, löste die seinerseits ausbleibenden Antworten mit Fragen nach neuen Ideen und Projekten auf, auf die er hoffte, um an sie anschliessen zu können. Und Ideen für das Engadin gab es im Übermass. Kluge wollte nicht erkannt, bestätigt oder verstanden werden. Einer seiner engsten Freunde beschreibt seine Gesprächskultur als komplexes Montieren von Unerwartetem, in dem es um keine vorgefertigten Antworten, nicht um meinungshaftes oder gar reproduzierbares Wissen ging, sondern um unvermutetes Denken ohne Haltelinien. Er fragte nicht, er zerlegte, schaffte Bezüge und neue überraschende Begriffe die ihrerseits Welten aufstiessen.
Hatte man sich so auf eine gemeinsame Idee geeinigt, hielt er unerschütterlich an ihr fest, schürte er über Monate seine Begeisterung und die des Gegenübers. Nichts wurde problematisiert oder beschwert. Jeder der gewillt war, mit seiner Energie und seinem Tempo Schritt zu halten, war zur Zusammenarbeit eingeladen. Beinahe spielerisch und mit leichter Hand generierte man, so animiert, gemeinsame Ergebnisse. Man musste darin nur waghalsig und mutig sein, Zirkusartisten gleich, die über ein Hochseil laufen, ohne sich gegenseitig dabei zu stören. Mit einer mich immer wieder in Erstaunen versetzenden Grosszügigkeit führte er so die Projekte zu einem vorläufigen Ergebnis, ohne dem gemeinsamen Nachdenken damit ein Ende zu verordnen.
Der aktuell so viel gerühmte Jahrhundertzeitzeuge Alexander Kluge war ein unermüdlicher und sanftmütiger Entdecker, gefühlvoller Abenteurer, feinfühliger Weltenerklärer, der bis zum Schluss mit einer beeindruckenden Energie schaffte und wirksam war. Geriet man mit ihm in Resonanz, beseelte es beide Seiten. Ich bin Kluge zutiefst dankbar, diese Art schöpferischer Kreativität erlebt haben zu dürfen, und danke mit ihm dem Engadin, dass uns diese Begegnungen geschenkt und ermöglicht hat.
Kluge, der glückliche Trauerreden favorisierte, seinen Film «Happy Lamento» der Idee des fröhlichen Klagegesangs widmete, für den ist wo möglich der eigene Tod eine Petitesse, ein erhellendes Werk. Wie hiess es so schön in einer Rezension: Wenn Heiner Müller über den Mond, Helge Schneider über die Orchestrierung des Alls und Peter Berling über den militärischen Nutzen von Löwen sinniert, befindet man sich mit grosser Wahrscheinlichkeit in einem Film von Alexander Kluge.
Es gibt Momente, die sich nicht sichern lassen. Man kann sie nur riskieren. Wenn sie entstehen, verändern sie alles. Wenn sie verschwinden, bleibt nichts – ausser der Gewissheit, dass es möglich war. Ein Blue Moon.

ARTHINKING – KUNSTDENKEN fördert die Kunst des unabhängigen Denkens. Wir unterstützen Vorhaben, die gedankliche Räume für gesellschaftsrelevante Diskurse öffnen und transdisziplinäre Denkräume offenhalten. Im Dialog mit der Gesellschaft erarbeiten wir Ideen, die Lösungen anregen.
ARTHINKING bewegt sich in der Form des Übergangs, als Denken im Transit. Es bewegt sich in der Passage zwischen Utopie und Dystopie, ist Zukunftserbe. Uns interessiert das Vergangene, Vergessene und Unsagbare, das Unausgesprochene.
ARTHINKING schafft ein zeitgemässes Format des unabhängigen Denkens, das visionäre Ideen und gedankliche Geografien sichtbar macht. Überraschende Perspektiven auf die Wirklichkeit öffnen ungeahnte gedankliche Handlungsspielräume.
ARTHINKING hinterfragt gesellschaftliche Traumatisierungen, um epigenetische Muster zu entschlüsseln, die das kollektive Bewusstsein formen.
ARTHINKING fragt: Welches Denken braucht das 21. Jh?
Debattieren
Kuratieren
Publizieren
moderieren
Gedanken anregen
ermöglichen
vernetzen
PARTNER UND NETZWERK